INTERVIEW MIT MISS GLUENIVERSE UND JOANNA WIETECKA

  • by Jacob Paulsen

Im Oktober 2021 gestalteten die beiden Künstlerinnen Miss Glueniverse und Joanna Wietecka eine 14 Meter lange Community Wall in der Schöneberger Frobenstraße, unweit des URBAN NATION Museums. Wir haben, trotz einiger durch Corona verursachter Schwierigkeiten, einige Fragen an die beiden weitergereicht. In ihren Antworten sprechen die beiden Künstlerinnen über die Ursprünge ihres kreativen Schaffens, reflektieren über die Sehnsucht nach der Heimat und denken über weitere Kooperationen nach.

Miss Glueniverse- Joanna WieteckaCommunity Wall

Joanna, erstmals künstlerisch aktiv wurdest du in deiner Heimat Polen. Kannst du uns mehr über deine Anfänge dort erzählen?

Joanna:

Es existieren zwar keine offiziellen Aufzeichnungen zu meiner Geburt, aber ich selbst gehe stark davon aus, dass ich mit Stiften oder ähnlichen Utensilien auf die Welt kam. Schon als Kleinkind verspürte ich den Drang, alles Mögliche anzumalen. Von alterstypischen Spielen habe ich mich oft distanziert und stattdessen lieber mit Wachsmalstiften die zur Hälfte asphaltierte Dorfstraße vor dem Haus verschönert oder die schwarz-weißen Familienfotos mithilfe von Filzstiften koloriert. Später, im Teenageralter, eskalierte alles noch ein wenig. Inspiriert durch meinen Freundeskreis begann ich meinen künstlerischen Wahnsinn in Richtung Streetart und Hip-Hop zu steuern. Güterzüge, Bänke, Wände, Möbel, Kleidung… Es blieb damals wenig von meinen Amateur-Tags und einfachen Stencils verschont. Auch in der lokalen Rap-Szene fühlte ich mich gut aufgehoben und konnte die bis in die Kindheit zurückreichende Liebe für Poesie auf diese Art und Weise weiterhin zelebrieren.

Trotz vieler gut gemeinter Ratschläge „endlich mal was damit zu machen“, dauerte es ganze 21 Jahre bis ich zu einem Kunststudium bereit war. Dort lernte ich vor allem mich selbst kennen: Einen für Ölfarben viel zu ungeduldigen, dafür aber für Akt-Zeichnung und -Fotografie brennenden Menschen.

Später bist du nach Berlin gezogen. Wie hat sich deine Kunst mit dem Umzug in die Großstadt verändert?

Joanna:

Bevor ich nach Berlin kam, habe ich bereits mehrere Begegnungen mit der Hauptstadt machen dürfen. Immer wieder streifte ich in meinen Sommerferien durch Berliner Straßen und ließ mich von der Vielfalt der urbanen Kunst überfluten. Beides schien so selbstverständlich und füreinander gemacht zu sein. Eine äußerst gelungene Koexistenz. Ich hielt damals, in den 90er Jahren, viel durch Fotos fest. Später schaute ich diese mit meinen polnischen Freunden an. Es war für uns jedes Mal wie ein Ausflug in die Welt der unendlichen Möglichkeiten, eine große Inspirationsquelle und gewiss ein Ansporn besser zu werden.

Auch die zahlreichen Museen und Galerien haben ihren Beitrag zu meiner Weiterentwicklung geleistet. Ich sog alles wie ein Schwamm auf und wandte diese, durch ästhetisches Erleben angekurbelte Energie, in Schaffenslust um.

Als 2007 Berlin langsam zu meiner zweiten Heimat wurde, hatte ich das Glück Menschen zu begegnen, die nicht zugelassen haben, dass meine kreative Ader trotz einiger Stolpersteine aufhört zu schlagen.  So gesehen ist nicht Berlin an sich, aber die Mischung aus „WER, WIE, WAS“ dafür verantwortlich für das, was ich tue und wer ich geworden bin.

Miss Glueniverse, du bist ursprünglich aus Österreich. Wie und wann hat es dich nach Berlin verschlagen?

Miss Glueniverse:

Ich bin in Österreich in einem idyllischen Tal aufgewachsen. Was mich 1999 nach Berlin verschlagen hat, war eine Mischung aus Abenteuerlust, Landflucht, jugendlichem Leichtsinn, aber auch eine Abnabelung und Befreiung aus engen Strukturen. Dieser Schritt war essenziell sowohl für meine persönliche als auch für meine künstlerische Entwicklung.

Gibt es etwas aus deiner Heimat, das du besonders vermisst und in Berlin nicht findest?

Miss Glueniverse:

Was ich in Berlin sehr vermisse, sind die hohen Berge und die physische wie auch meditative Erfahrung des Erklimmens eines Gipfels. Das bewusste Erleben, sich schrittweise einem Ziel zu nähern und das befreiende Gefühl des Weitblicks. Dieses verinnerlichte Bild habe ich jedoch mit nach Berlin genommen und es hilft mir mich auf meine Ziele zu fokussieren und bestimmte Situationen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Das Medium, in dem ihr beide arbeitet, ist die Collage. Könnt ihr uns mehr über euren Arbeitsprozess verraten? Was inspiriert euch, und wie seid ihr zur Collage gekommen?

Joanna:

Dass ich meine Kreativität schlussendlich in analogen Collagen komprimiere, ist auch Berlin zu verdanken. Ein Zufallsbesuch in einem Möbeldesign Studio (2016) und eine außergewöhnlich hohe Herzfrequenz beim Betrachten der dort hängenden Collagen, und die große Liebe war da! Ähnlich wie diese Begegnung ist auch mein Arbeitsprozess: von einem Impuls ausgehend. Ich arbeite in seltenen Fällen an konkreten Themen. Viel mehr genieße ich es, in den Magazinen zu blättern und mich von einem Motiv visuell fesseln zu lassen. Dieses wird dann zum Fundament der Collage. Alle Elemente, die nacheinander ihren Platz in der Komposition finden, sind in gewisser Weise dem „auserwählten“ Dreieck unterlegen. Dieses kann z.B. die Farbgebung oder die Linienführung bestimmen. Diese harmonische Kontinuität ist mir bei der Gestaltung der Collage besonders wichtig. Ich würde es vielleicht mit dem Leben in einer Kommune vergleichen, wo jeder einen Beitrag zum gelungenen Miteinander leistet.

Der Prozess hat für mich mehrere Ebenen: Die Materielle (das präzise Schneiden und Anpassen der Dreiecke), die Visuelle (aus mehreren Details ein optisch als Einheit wahrnehmbares neues Objekt zu schaffen) und die Ich-Ebene (Erkennen und Reflektieren eigener Wahrnehmung und Ästhetik, Realitätsflucht, Meditation, Verarbeitung).

Inspiration für meine Arbeiten schöpfe ich aus dem Er(leben). So sind unter anderem einige Collage-Serien, eine Suche nach Antworten (z.B. „Nonverbality“) oder auch eine Antwort auf eine Zufällige Konversation („Ugly eyes“). Im Grunde Vieles, was starke Emotionen in mir auslöst, wird wahrscheinlich als Collage enden. Und sollte dieses Medium nicht ausreichend sein, kommt ein Gedicht als Ergänzung obendrauf.

Miss Glueniverse:

Streetart und die urbane Kunst waren für mich immer schon äußerst reizvoll, weswegen ich in Berlin begann, die teils vergängliche Kunst fotografisch festzuhalten. Die Straße und die vielen Museen in Berlin, insbesondere die URBAN NATION, haben mich sehr inspiriert und mich ermutigt, 2018 aktiv in die Streetart-Szene einzutauchen. Die Collage ist seit längerer Zeit ein Medium für meinen künstlerischen Ausdruck. Vorhandene Strukturen aufzubrechen, um sie nach eigenem Empfinden zu rekonstruieren, ist für mich nicht nur ein künstlerischer Prozess, sondern steht im analogen Sinne auch für Empowerment in der eigenen Lebensgestaltung. Dahingehend ist meine Kunst auch sehr bunt, spritzig, immer etwas cheeky und hauptsächlich von positiven Vibes geprägt.

Joanna, welche aktuellen Tendenzen und Entwicklungen innerhalb der (Urbanen) Kunst faszinieren und begeistern dich besonders?

Joanna:

Murals sind für mich ein unvorstellbar großes Zeichen der Organisation, Planung und Körpereinsatz, die neben dem künstlerischen Talent vorhanden sein müssen, um solche Formate realisieren zu können. Für mich eine fast übermenschliche Leistung.

Auch Werke, die entweder durch den gekonnten Einsatz von Perspektive und Farbgestaltung oder NFC/RFID Technik ihre Dimension verändern, finde ich spektakulär (peeta ead, Bond Truluv). Im Collage-Bereich schätze ich überraschende wie Details, Minimalismus… Kurz und knapp: Durchdachte Innovationen, die mich durch ihre Bescheidenheit positiv überrumpeln.

Die Berliner Streetart-Szene lebt auch von der Community und einem Gemeinschaftsgefühl, wofür sich auch URBAN NATION einsetzt. Auch bei dieser Wall habt ihr euch zusammengefunden um gemeinsam etwas zu erschaffen. Miss Glueniverse, wie wichtig sind für dich Kollaborationen, und gibt es jemanden mit dem oder der du gerne mal ein gemeinsames Projekt realisieren würdest?

Miss Glueniverse:

Die Vernetzung, Zusammenarbeit und der Austausch mit anderen KünstlerInnen sind mir sehr wichtig. Abgesehen davon, dass es wunderschön ist Teil einer Community zu sein, besteht die Chance in der Zusammenarbeit mit anderen KünstlerInnen darin, sich gegenseitig zu inspirieren, Ideen zu entwickeln, Fertigkeiten auszutauschen und Horizonte zu erweitern.

Wen ich sehr bewundere, ist der französische Fotograf, Collagen- und Streetart-Künstler JR. Vor allem der soziale Aspekt in seiner Arbeit begeistert mich. Ich würde ihm und seinem Team aber auch zu gerne beim Kleben seiner gigantischen Paste-ups über die Schulter schauen.

Eine weitere Inspiration für mich ist der New Yorker Collagen- und Streetart- Künstler Dain. Ich mag seine Farben und den Streetstyle in seinen Collagen sehr. Ich bin immer offen für Kollaborationen und die Gestaltung der Community Wall für die URBAN NATION ist der Beweis, dass dabei etwas Schönes entstehen kann.

Interview: Nicola E. Petek

Fotos: Sebastian Kläbsch (Berlin Artcore)