Bill Posters. The Street Art Manual.

The Street Art Manual. Bill Posters. 2020.

Das Street Art Manual des Künstlers und Aktivisten Bill Posters ist ein praktischer Leitfaden für Widerstand und Neuerfindung und zugleich DIY-Werkzeugkasten, Einführung in die Kunstgeschichte und Handbuch für subversives Verhalten. Mit der Selbstsicherheit eines erfahrenen Praktikers und dem einladenden, humorvollen Ton eines unterstützenden älteren Bruders bietet das Buch praktische Anleitungen und philosophische Grundlagen für alle, die sich kreativ – und verantwortungsbewusst – im öffentlichen Raum engagieren möchten.

Posters, Mitbegründer des Brandalism-Projekts und bekannt für kontroverse Deepfake-Onlinekampagnen wie Spectre, bringt ein breites Wissen über globale aktivistische Kunstbewegungen mit. Von Beuys‘ Begriff der „sozialen Skulptur“ über John Fekners typografische Landminen bis hin zu den ACT UP-Visuals der AIDS-Krise zeichnen die ersten Kapitel eine Linie öffentlicher Dissidenz nach, die seine eigene Praxis prägt. Diese Referenzen sind keine verstaubten Zitate, sondern eindringliche Mahnungen daran, dass Kreativität auf der Straße schon immer mehr als nur Ästhetik war – manchmal fühlt sie sich wie Überleben, Strategie und klassische Satire an.

Das Street Art Manual ist ästhetisch ansprechend und übersichtlich gestaltet und deckt ein breites Spektrum an Techniken ab: Graffiti, Schablonentechnik, Plakatieren, Yarn Bombing, Guerilla-Projektionen, Drohnenkunst und sogar Projektile. Jedes Kapitel enthält Schritt-für-Schritt-Diagramme des Illustrators Matt Bonner, dessen Hintergrund in der Kampagnengrafik für Klarheit und einen Hauch von Humor sorgt. Es gibt sogar einen Abschnitt über Wandmalerei – die heutzutage normalerweise von niemandem als radikal angesehen wird –, in dem diskutiert wird, wie großformatige Werke das Gedächtnis einer Gemeinschaft ehren oder den Zusammenbruch der Umwelt kritisieren können.

Was dieses Buch jedoch auszeichnet, ist nicht nur sein Umfang, sondern auch sein Tonfall. Posters behandelt den Leser sowohl als Schüler als auch als Verwalter. Zu jedem technischen Tipp – wie man beispielsweise vermeidet, von einem Wachhund angegriffen zu werden, während man an einem Zaun hängt – gibt es einen Verhaltenshinweis: Werfen Sie keinen Müll weg, seien Sie nicht arrogant und vergessen Sie nicht, warum Sie das tun. Bei Graffiti, schreibt er, „sagen Sie mehr als nur Ihren Namen. Setzen Sie sich für die weniger Privilegierten ein.“ Das ist nicht belehrend, sondern prinzipientreu. Nun, vielleicht ist es doch belehrend.

Das Street Art Manual positioniert kreative Interventionen als eine Möglichkeit, die öffentliche Stimme zurückzugewinnen. Die zugrunde liegende Botschaft handelt nicht von Vandalismus, sondern von Sichtbarkeit. „Im Laufe der Geschichte“, schreibt Posters, „haben Menschen ihre Kreativität genutzt, um sich gegen Konformität zu wehren und nach Erfahrungen zu suchen, die mehr Bedeutung schaffen.“

Zu diesem Zweck spricht er offen und ehrlich über rechtliche Risiken und ethische Grenzen. Den Lesern wird geraten, ihre Rechte zu kennen, ihre Privilegien anzuerkennen und ihre Umgebung zu respektieren. Das Buch verherrlicht das Illegale nicht, scheut sich aber auch nicht, dessen Macht anzuerkennen. Ein Banner Drop oder eine Werbeübernahme retten vielleicht nicht die Welt – aber sie können Fragen aufwerfen oder Diskussionen anregen.

Das Street Art Manual ist lehrreicher als die meisten Kunstbücher und fundierter als die meisten Aktivistenhandbücher und eine zeitgemäße Ergänzung für das Bücherregal jedes Straßenkünstlers. Es erinnert uns daran, dass Straßen nicht nur für Autos oder den Handel da sind – sie sind für die Bürger da. Manchmal brauchen Bürger Handbücher.

Text Steven P. Harrington and Jaime Rojo   Fotos Eveline Wilson