Shepard Fairey. Supply & Demand: The Art of Shepard Fairey.
Supply & Demand: The Art of Shepard Fairey. Shepard Fairey. 2006

Fast zwei Jahrzehnte bevor Street Art von großen Institutionen oder Auktionshäusern allgemein akzeptiert wurde, stellte Shepard Fairey seine eigene Retrospektive in Buchform zusammen. “Supply & Demand: The Art of Shepard Fairey” dient als Chronik und visuelles Manifest für eine Bewegung, die sich Mitte der 2000er Jahre noch in der Definition befand, und für einen Künstler, dessen heute allgegenwärtige Bilder sich bereits auf Stadtmauern, Skateboards und Plakatflächen auf der ganzen Welt verbreitet hatten.

Diese 350-seitige Monografie, die 2006 durch Gingko Press publiziert wurde, bietet einen tiefen Einblick in die ersten 17 Jahre von Faireys kreativem Schaffen, beginnend mit der Andre the Giant „OBEY”-Sticker-Kampagne, die 1989 am RISD entstand, bis hin zu seiner produktiven Karriere im Bereich Street Art und Design, die durch kontrastreiche Ikonografie und scharfe Kritik an den Mächtigen geprägt ist. Der Titel selbst spiegelt Faireys Leitmotive wider: das Spannungsfeld zwischen Marktkräften und künstlerischem Widerstand, zwischen autonomer Schöpfung und Massenproduktion.

Was „Supply & Demand“ so bemerkenswert macht, ist nicht nur die schiere Menge der reproduzierten Arbeiten – von Postern, Aufklebern, Schablonen und Siebdrucken bis hin zu Galerieinstallationen und kommerziellen Auftragsarbeiten –, sondern auch sein Layout und seine Gestaltung. Das Buch ist teils Portfolio, teils Autobiografie, teils DIY-Anleitung und liest sich wie ein visuelles Zine auf Steroiden. Das Design ist roh und vielschichtig, reich an Halbtönen, Fotokopiertexturen und handschriftlichen Randnotizen. Sein wiederkehrendes visuelles Stilmittel: Propaganda-Ästhetik trifft auf Punk-Ethos.

Fairey erzählt seine eigene Reise in einem Ton, der zwischen Bekenntnis und Belehrung schwankt. Er reflektiert über rechtliche Probleme, künstlerische Absichten und sein fortwährendes Bestreben, das Spektakel der Werbung zu stören, indem er Bilder schafft, die diese nachahmen und dann untergraben. Im besten Fall artikuliert Supply & Demand die Theorie der Kunst als Intervention – taktische Medien, die in den urbanen Raum eingefügt werden, um zu provozieren, zu stören und zu wecken. Essays und Kommentare von Kollegen und Kritikern (darunter Carlo McCormick, Roger Gastman und Steven Heller) kontextualisieren Faireys Praxis im weiteren Bogen von Street Art, Punk, Designgeschichte und politischem Aktivismus.

Bemerkenswert ist, dass das Buch sich weigert, „Kunst“ und „Kommerzielles“ voneinander zu trennen. Fairey stellt Unternehmenskooperationen neben Akte zivilen Ungehorsams und suggeriert damit, dass dieselben Mittel sowohl zur Unterwanderung als auch zum Überleben innerhalb des Kapitalismus eingesetzt werden können. Diese Offenheit war zu jener Zeit weder angesagt noch innerhalb der Underground-Kunstszene allgemein akzeptiert.

Zu einer Zeit, als Graffiti- und Street-Art-Bücher gerade erst ihren Einzug in den Mainstream-Verlagsmarkt fanden, war „Supply & Demand“ sowohl ein Meilenstein als auch eine Provokation. Es bot den Lesern einen Entwurf für Sichtbarkeit, künstlerische Identität und Widerstand angesichts der kulturellen Homogenisierung. Für Neulinge war es ein leicht zugänglicher Einstieg. Für Künstlerkollegen gab es die Erlaubnis, weiter zu experimentieren und mutig voranzugehen.
Supply & Demand liest sich weniger wie eine Karriere-Retrospektive, sondern eher wie ein Leitbild im Entstehen – ein Dokument voller Dynamik, Hunger und visuellem Widerstand. Es fängt einen Moment ein, in dem Street Art noch als Akt der Rebellion angesehen wurde und Fairey durch Drucken und Kleben ein Imperium aufbaute, indem er die Idee eines solchen Imperiums infrage stellte.
Text: Steven P. Harrington and Jaime Rojo Fotos: Eveline Wilson