ONE WALL von Gizem Erdem
- ONE WALL
- SOCIAL PROJECT
- Juni 25, 2026
Für ihre ONE WALL entwickelte Gizem Erdem ein rund 50 Meter langes Wandbild, das Motive aus einer Befragung von Bewohnerinnen und Bewohnern beinhaltet. Im Rahmen des Programms Stadtraum!Plus der Stiftung Berliner Leben und in Zusammenarbeit mit der Gewobag wurden Menschen aus dem Quartier eingeladen, von Tätigkeiten zu erzählen, die sie besonders gern gemeinsam mit anderen ausüben. Lesen, spielen, tanzen, spazieren oder träumen bilden den inhaltlichen Ausgangspunkt für die künstlerische Arbeit. Erdem übersetzt diese alltagsnahen Motive in eine eigenständige visuelle Erzählung, die zwischen Figuration, Abstraktion und comicartiger Formensprache oszilliert.
Charakteristisch für das Wandbild in der Passage am Staaken Center in Berlin Spandau ist seine offene, fließende Komposition, in der sich Figuren, Tiere, vegetabile Elemente und zeichenhafte Formen zu einem durchgehenden Bildkontinuum verbinden. Die Malerei entfaltet sich horizontal entlang der Architektur und reagiert damit unmittelbar auf die räumliche Situation der Passage. Als überdachter Weg verbindet sie Wohnumfeld, soziale Einrichtungen und alltägliche Wegebeziehungen innerhalb der Großwohnsiedlung Heerstraße Nord. Statt ein in sich geschlossenes Einzelbild zu präsentieren, entwickelt Erdem eine Sequenz, die im Vorübergehen wahrgenommen wird und sich erst in der Bewegung vollständig erschließt. In diesem Sinn ist die Arbeit weniger als raumgreifende Bildstrecke zu lesen, die Sehen, Gehen und Verweilen der Betrachtenden verknüpft.
Formal arbeitet Erdem mit klar konturierten Flächen, reduzierten Formen und einer Farbpalette, die Leuchtkraft mit Zugänglichkeit verbindet. Ihre Bildsprache greift visuelle Strategien der Illustration, des Comics und der urbanen Malerei auf. Die bewusst niedrigschwellige Ikonografie erzeugt Nähe und zugleich Offenheit für unterschiedliche Lesarten. Das Wandbild entwirft keine idealisierte Darstellung von Nachbarschaft, sondern ein assoziatives Gefüge Tätigkeiten und Bewegungsmomenten, in dem sich Alltag als kollektive Erfahrung artikuliert.
Die Arbeit ist damit auch als Auseinandersetzung mit der sozialen Funktion von Kunst im öffentlichen Raum zu verstehen. Sie geht aus einem dialogischen Prozess hervor, in dem lokale Perspektiven zum Ausgangsmaterial der künstlerischen Setzung werden. Diese partizipative Grundlage ist in dessen Motivik und Atmosphäre eingeschrieben. Ergänzt wurde das Projekt durch Beiträge von Kindern aus dem KiK – Kinder im Kiez, die im Rahmen der Beteiligung an den Pfeilern der Passage arbeiteten und so eine weitere Ebene lokaler Aneignung in das Gesamtprojekt einbrachten.
Fotos: Britta Leuermann
