Linda Marwan ist eine interdisziplinäre Installationskünstlerin. Sie nutzt Skulptur, Malerei und digitale Medien, um konzentrierte Ensembles zu schaffen. In diesen treten meist Tiere, Pflanzen, Mischwesen und der eigene Körper als Protagonist*innen auf und entfalten symbiotische Beziehungen. Von Gaming sowie dem […]
Linda Marwan ist eine interdisziplinäre Installationskünstlerin. Sie nutzt Skulptur, Malerei und digitale Medien, um konzentrierte Ensembles zu schaffen. In diesen treten meist Tiere, Pflanzen, Mischwesen und der eigene Körper als Protagonist*innen auf und entfalten symbiotische Beziehungen.
Von Gaming sowie dem Fantasy- und Horrorgenre beeinflusst, werden ästhetische und inhaltliche Charakteristika analysiert, in ihre Einzelteile aufgebrochen und rekombiniert. Fokussiert wird hierbei die Bedeutung von ästhetischen Qualitäten als Faktor zur Schaffung von Atmosphäre.
Sie untersucht die epistemologische Bedeutung des eigenen Körpers als Erfahrungsraum und dessen Rekontextualisierung außerhalb gesellschaftlich-systematischer Objektifizierung. Dazugehörig ist die Analyse seiner Beziehung zur Umwelt, aber auch digitaler oder imaginärer Räumlichkeit.
Sie studierte an der HBK Braunschweig und der HGB Leipzig, wo sie 2019 mit dem Diplom als freie Künstlerin abschloss. Sie schrieb ihre theoretische Diplomarbeit unter dem Titel »State instead of Image« über das atmosphärische Wirken und die Relevanz sinnlicher Erfahrung für das Erzeugen von Bedeutung.
Zu ihren Auszeichnungen gehören das Residenzstipendium des Kunstvereins Röderhof e.V (2020) sowie das Arbeitsstipendium Digitale Vermittlungsformate des Deutschen Künstlerbundes (2022). 2022 war sie Local Participant bei dem PILOTENKÜCHE International Art Program in Leipzig. Mit „Artificial Fantasy“ wurde 2023, gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, eine nicht-kommerzielle Einzelausstellung umgesetzt, welche sich auf generische Aspekte des Fantasy-Genres und das sogenannte Environmental Storytelling in Videospielen konzentriert. Sie lebt und arbeitet in Leipzig.
Über das Kunstprojekt
In Entity Environment Annihilation wird subjektive Körperlichkeit in einen Zustand der Transformation versetzt. Landschaften sind keine Orte mehr, sondern aktiv agierende Entitäten – und das Monster keine Bedrohung, sondern eine Einladung zur Veränderung. In einer Symbiose aus Malerei und Skulptur verschmelzen Körper und Landschaft miteinander.
Es wird ein diverses Datenset aus verschiedenen Landschaftsansichten angelegt. Diese beinhalten beispielsweise Bilder der Romantik oder Screenshots aus Videospielen. Die so entstandene Sammlung wird auf ihre Spezifika von Form, Licht und Farbe analysiert. Das daraus Erarbeitete – diffus, atmosphärisch und fragmentarisch – dient als Grundlage für großformatige Malereien.
Ungleich der zu beseelenden romantischen Landschaft steht hierbei nicht das Überführen eigener Seinzustände in das Gesehene, sondern die leibliche Erfahrung als Körper in der Situiertheit von Umgebung im Vordergrund. Die Landschaft wird dabei nicht als Kulisse verstanden, sondern als ein Erfahrungsraum, in dem Identität instabil wird.
Ergänzend wird eine Reihe von Skulpturen hergestellt. Mit 3D-Modellierungs- und Scanverfahren werden Mischwesen entworfen, welche sich Konzepten des Ungeheuerlichen entlehnen. Das Monster spiegelt die Angst vor der eigenen Veränderung, vor Auflösung und Mutation. Als Hybridwesen aus Tier, Mensch und Ding verweisen sie auf eine epistemische Krise: Im Bewusstwerden der eigenen Durchlässigkeit und der Auflösung in einem Geflecht wechselseitiger Abhängigkeiten entlarvt sich das autonome Individuum als teilweise Fiktion.
Die Ungeheuerlichkeit liegt in der Mutation des Vertrauten. Die Wiederholung – ob in der algorithmischen Bildgenerierung oder in popkulturellen Repräsentationen – ist kein bloßes Ornament, sondern der Mechanismus, durch den das Ähnliche unheimlich wird, das Vertraute fremd. Die Auslöschung subjektiver Begrenzung wird zu der Erweiterung leiblicher Erfahrung – in der Hybridisierung als Monster und Landschaft.
Dies geschieht durch atmosphärische Anteilnahme an Umgebung und die Auflösung Ich-bezogener Grenzen. Das Projekt ist der Versuchsentwurf einer spekulativen Zukunft, in der Mensch und Umwelt keine festen Kategorien mehr sind. Es stellt die Frage: Was bedeutet es, in einer Welt zu existieren, die sich verändern muss? Und wie gehen wir mit der Angst um, dass wir im Zuge dieser Veränderungen Teile unserer selbst auflösen müssen?
Fotos: Galya Feierman