Monika Popiel & Paweł Świerczek

Monika Popiel stammt aus Polen und agiert in den Bereichen Theaterregie, somatische und sensorische Kunst sowie elektronisches Design und Programmierung. Monika hat einen Abschluss in Regie von der Aleksander Zelwerowicz Akademie für Theaterkunst in Warschau sowie einen Master in Angewandter […]

Biographie / Monika Popiel & Paweł Świerczek

Monika Popiel stammt aus Polen und agiert in den Bereichen Theaterregie, somatische und sensorische Kunst sowie elektronisches Design und Programmierung. Monika hat einen Abschluss in Regie von der Aleksander Zelwerowicz Akademie für Theaterkunst in Warschau sowie einen Master in Angewandter Physik und Mathematik der Technischen Universität von Danzig, Polen. Die künstlerische Arbeit von Monika umfasst die Schaffung interdisziplinärer multisensorischer Werke, die dokumentarische Feldforschung, darstellende Künste mit Fokus auf somatischer Arbeit und Choreografie, Textilkunst, Mixed New Media und kreatives Programmieren miteinander verbinden.

Während des gesamten kreativen Prozesses liegt der Schwerpunkt auf:

  • dem Berührungssinn, interpretiert in einem breiteren Kontext, jenseits des physischen Kontakts: Berührung als eine Reise zu dir (touch, to u(ch))*, als eine Art, mit der Welt in Kontakt zu treten, sich mit anderen zu verbinden und sich in unserer Umgebung zurechtzufinden
  • die Haut als Grenze und Schnittstelle, die zu einem dynamischen und unendlichen Territorium der Verhandlung wird
  • der Raum als dynamischer kollektiver Körper (Holobiont), der aus zufälligen Begegnungen entsteht
  • die Identität als dynamischer Prozess zufälliger Begegnungen, Kollisionen und Austausche: 1 + 1 = 1 + zu viele, um sie zu zählen*, wo „ich“ sie fließend zwischen „wir“ und „sie“ bewegt und wo „ich“ zum Verb wird.

*siehe Erin Manning „Politik der Berührung“

Paweł Świerczek (beliebige Pronomen) ist Dramaturg, Performer, Produzent, und (neuro)queerer Aktivist aus Polen. Paweł hat einen Abschluss in Kulturwissenschaften von der Schlesischen Universität in Kattowitz und vom Labor für Neue Theatrale Praktiken der SWPS-Universität in Warschau.

Ihr Hauptinteressengebiet ist die Überschneidung lokaler und queerer Identitäten. Seit 2018 leiten sie das interdisziplinäre Projekt und Kollektiv Śląsk Przegięty (Queeres Schlesien), mit dem Ziel, Geschichten aus queeren Archiven aus Oberschlesien zu erzählen und aufzuführen und die queere Community in der Stadt Kattowitz zu unterstützen. Paweł hat drei Performance-Stücke auf der Grundlage von schlesischen Queer-Archiven (mit)geschaffen: die Solo-Performance „Of Coal and Rainbow“ sowie „From Ahead Our Time“ und „The Q Files“. Seit einigen Jahren entwickelt Paweł auch seine eigene Praxis rund um das Thema Verletzlichkeit als Werkzeug für den Frieden mittels Performances („I Am“; „Citrus Paradisi“; „I Want the World to Be Full of Fluffy Duckies“), der Durchführung von Workshops und der Moderation von Open Labs. Diese Praxis führte zu einer fortlaufenden Forschung über soziale „Immunsysteme“. Seit 2023 praktiziert und lehrt Paweł die Methode des Authentic Relating (Ehrliche Verbindung) und verlagert die künstlerische Praxis noch mehr in Richtung Gemeinschaftsbildung und Schaffung von Beziehungsräumen durch darstellende Kunst.

Über das Kunstprojekt

Statement der Künstler*innen: „Stimpathy (Wortspiel aus Stimming und Sympathy = Mitgefühl, Anm. Redaktion) ist ein post-künstlerisches, emanzipatorisches gemeinschaftsbildendes Projekt, in dem wir gemeinsam mit einer offenen Gruppe neuroqueerer Menschen aus Berlin unsere Stimms befreien und durch gemeinsame Stärkung im Chor feiern wollen.

Wir wollen supersichtbar machen, was normalerweise verborgen ist, um neuroqueere Menschen zu stärken und Stimming-Verhalten im öffentlichen Raum zu normalisieren. Wir werden dies tun, indem wir Stimms und sensorische Objekte, die für Stimming verwendet werden, hervorheben, vergrößern, vervielfältigen, verstärken, intensivieren, erweitern. Mit Stimming treten wir bewusst, mutig und kollektiv in das Post-Normale ein. Die Praxis des Stimming stellt nicht nur neurokognitive Normen, sondern auch Geschlechternormen in Frage und entlarvt deren Künstlichkeit auf sehr anschauliche Weise. Die Überschneidung von Geschlecht und Neurodivergenz beeinflusst die Art und Weise, wie wir uns in der Stadt bewegen und Einrichtungen für Arbeit, Freizeit, Zusammensein, Einkaufen, Lernen, Pendeln usw. nutzen. Um zu erforschen, wie Neuroqueerness in Berlin verkörpert wird, werden wir recherchieren und ein Archiv von Stimms sowie einen neurofreundlichen Stadtplan erstellen.“

Begriffsklärung

Stimming (stimulierendes Verhalten) sind sich wiederholende Bewegungen und Geräusche, die wir als neurodivergente Menschen erzeugen, um unsere Emotionen und sensorischen Prozesse zu regulieren. Stimming wird oft mit Objekten durchgeführt, die man in den Händen hält. Es handelt sich um einen funktionellen neurobiologischen Mechanismus, der es uns ermöglicht, gesund zu funktionieren. Aus der Perspektive der sozialen Normen wird Stimming jedoch als seltsames, störendes, unerwünschtes und manchmal sogar bedrohliches Verhalten wahrgenommen. Als neurodivergente Menschen wird uns von den ersten Schuljahren an beigebracht, unser Stimming zu verbergen (z. B. indem uns gesagt wird, wir sollen stillsitzen) – dies erfordert von uns eine enorme Anstrengung und ist oft so überwältigend, dass es zu einem Trauma führt.

Neuroqueer ist ein von Dr. Nick Walker geprägter Begriff, der ihn in erster Linie als die Praxis des bewussten Hinterfragens und Unterlaufens neurokognitiver und Gernder-Normen definiert. Zweitens ist Neuroqueer eine Theorie, die die Instrumente der Queer-Theorie auf das Phänomen der Neurodiversität anwendet. Drittens ist Neuroqueer eine Identität am Schnittpunkt von Neurodivergenz und Queerness. Es handelt sich um ein sehr neues Konzept, das die Sichtweise auf das Geschlecht und seine Überschneidungen mit neurokognitiven Mustern erweitert. Die neuroqueere Praktikerin Pasha Marlowe sagt, dass Neurodivergenz bald ein Oberbegriff für alle verkörperte Nicht-Normativität werden wird.

Fotos: Galya Feierman