Shoe’s Black Book: Graffiti in the 1980s. Niels “Shoe” Meulman.

Niels “Shoe” Meulman. Shoe’s Black Book: Graffiti in the 1980s. 2025

Es gibt Black Books, die wie makellose Archive wirken, und dann gibt es Black Books, die sich noch immer lebendig anfühlen – an den Rändern zerknittert, instabil, geprägt von den Spuren der Graffiti-Bewegung, persönlichem Austausch, Diebstahl, Langeweile, Besessenheit und natürlichen Einflüssen – wie dem Wetter. „Shoe’s Black Book: Graffiti in the 1980s“ gehört zur zweiten Kategorie. Dieser überdimensionale Band, der auf den erhaltenen Seiten von Niels „Shoes“ Meulmans Arbeits-Black Book aus den Jahren 1985 bis 1987 basiert, wirkt wie ein teilweise stabilisiertes Artefakt aus einer Zeit, als die europäische Graffitikultur sich noch selbst erfand.

Shoe – heute international bekannt für seine späteren Beiträge zur Typografie und zum Calligraffiti – präsentiert das Black Book nicht als heilige Reliquie, sondern als funktionales Objekt, das auf seinen Reisen Erfahrungen in sich aufgesogen hat. Die Seiten sind eher assoziativ als chronologisch angeordnet: Skizzen, Throw-ups, Zuggeschichten, Erinnerungen an Gefängnisaufenthalte, Handstyle-Experimente, Treffen in Hotelzimmern und technische Beobachtungen sind so durcheinandergewürfelt, wie es Erinnerungen in der Graffitikultur selbst oft sind. Eine schlammige Anekdote über verlorene Zeichnungen unter einer Brücke fügt sich nahtlos neben Überlegungen zu Strichstärke, Markerspitzen oder der sich entwickelnden Geometrie einer einzelnen Buchstabenform ein. Durchweg widersteht Shoe dem Drang, zu viel zu erklären, und vermeidet den nostalgischen tiefen Eintauchversuch, der die Graffitigeschichte in Sentimentalität verflachen könnte. Wie bei vielen Black Books wird die Ansammlung selbst zur Erzählung.

Am deutlichsten wird, dass Graffiti nicht in erster Linie eine ästhetische Kategorie ist, sondern eine Form zwischenmenschlichen Verhaltens und der Verbundenheit – ein sich wiederholendes, improvisiertes System des Austauschs, das „von Mund zu Mund und von Hand zu Hand“ weitergegeben wird. Shoe dokumentiert die Fixierung auf den Stil mit ungewöhnlicher Offenheit: die endlose Überarbeitung eines „S“, der Einfluss, den man nach der Begegnung mit einem anderen Writer aufnimmt, der stille Wettstreit, der selbst in lockeren Skizzensitzungen mitschwingt. Die Besessenheit ist überall sichtbar, aber ebenso die Kameradschaft – ebenso wie die leichte Paranoia, die mit dem illegalen Bemalen von Zügen, dem Reisen über Grenzen hinweg und dem Umgang mit dem Druck der Polizei im Europa vor dem Internet einherging.

Die Namen, die in dem Buch auftauchen, verleihen ihm historisches Gewicht, ohne dass die Publikation zu einem Promi-Sammelalbum wird. Dondi taucht ebenso auf wie Haring, Angel und Bando, doch Shoe hält viele dieser Begegnungen weniger als monumentale Mythen fest, sondern vielmehr als Fragmente alltäglicher Begegnungen – eine schnelle Zeichnung in einem Hotelzimmer, ein Spitzname, eine gemeinsam angewandte Technik, eine Lektion, an die man sich Jahre später nur noch vage erinnert. Carlo McCormick fängt diesen Ton in seinem einleitenden Essay treffend ein, indem er das Buch als „Reisebericht, Sammelalbum, Skizzenbuch und Tagebuch“ beschreibt und gleichzeitig die unzuverlässige Dehnbarkeit der Graffiti-Erinnerung selbst anerkennt. Wie viele Geschichten von Veteranen verschieben sich diese Erinnerungen beim Nacherzählen leicht, doch diese Instabilität wird eher Teil der Ehrlichkeit des Dokuments als ein Makel.

Die Publikation zeichnet zudem auf unaufdringliche Weise den Wandel des Graffitis von einer privaten Praxis zu einem sammelwürdigen Archiv nach. Seiten gingen verloren, wurden gestohlen, beschädigt, entfernt und später wiederentdeckt – manche tauchten Jahre später über Auktionshäuser und Sammler wieder auf. Indem er das ursprüngliche schwarze Buch auflöst und jede Seite einzeln reproduziert, verwandelt Shoe einen einst funktionalen Begleiter im Atelier in ein ausstellungsfähiges historisches Objekt, ohne dessen Ecken und Kanten sowie Unvollkommenheiten vollständig zu glätten. Die Flecken, Korrekturen, verblassten Markierungslinien und abgenutzten Texturen bleiben sichtbar und bewahren so das Gefühl, dass diese Seiten einst durch Rucksäcke, Bahnhöfe, Wohnungen und Grenzübergänge gereist sind.

Am faszinierendsten ist vielleicht, wie natürlich Amsterdam und New York im Laufe des Buches ineinanderfließen. Durch Shoes Erfahrungen und seine Wahrnehmung sind dies keine konkurrierenden Entstehungsgeschichten, sondern miteinander verbundene Kreisläufe, durch die Stile, Haltungen, Techniken und Ambitionen in den 1980er Jahren zirkulierten. In einer Zeit vor dem Internet dokumentiert Shoes „Black Book“ diesen Austausch aus nächster Nähe – chaotischer, organischer und weniger selbstbewusst, als es Graffiti später werden sollte. Zwar gab es stets wechselnde Straßenregeln und interne Hierarchien, doch wirkt dies wie Beweismaterial, das gesammelt wurde, bevor die Graffitigeschichte zu einem Kanon erstarrte und bevor Institutionen ihre Sprache vollständig in sich aufnahmen. Diese Seiten sind nicht bloß Dokumentation; sie sind prägende Objekte und Zeugen an sich – getragen, getauscht, versteckt, gestohlen und langsam gefüllt mit Zeugnissen einer Kultur, die sich Seite für Seite neu erfindet.

Text Steven P. Harrington and Jaime Rojo  Fotos Diana Paun

Beteiligte Personen