Bücher in der MCL: Robbie Conal: Streetwise: 35 Years of Politically Charged Guerrilla Art.G. James Daichendt

G. James Daichendt. Robbie Conal: Streetwise: 35 Years of Politically Charged Guerrilla Art. 2020

Nur wenige Formen des öffentlichen Diskurses haben sich so nachhaltig bewährt wie die politische Karikatur. Politische Karikaturisten können Stimmungen und Meinungen zum Ausdruck bringen, ohne auch nur eine Silbe zu sagen – mithilfe von Humor, Beobachtungsgabe, fundiertem Fachwissen und handwerklichem Geschick. Eine gut gelungene politische Karikatur trifft mit einer unverblümten Effizienz ins Schwarze, die den Verlauf einer Debatte beeinflussen kann. Seit mehr als vier Jahrzehnten hat sich Robbie Conal einen Namen gemacht, indem er einige der verlogensten Persönlichkeiten aus Politik, Finanzwelt, Medien und dem Promi-Industriekomplex aufs Korn nimmt und seine visuell bissigen Plakate nach Art der wilden Plakatierungskampagnen von Werbetreibenden auf den Straßen anbringt.

Mit prägnanten Texten, pointierten Slogans und knappen Spitznamen lüftet Conal den Schleier der öffentlichen Imagepflege und legt die seiner Meinung nach weniger schmeichelhaften Wahrheiten darunter bloß. Er reißt die sorgfältig gepflegte Fassade herunter und wirft sie zur öffentlichen Begutachtung auf die Straße. Seine Darstellungen lassen sich nicht einfach als Werke eines parteiischen Speichelleckers abtun; seine Motive umfassen ein breites Spektrum an Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen der politischen und kulturellen Landschaft. Seine Porträts, die wie politische Werbeplakate in großer Stückzahl angebracht werden, zwingen den zufälligen Betrachter auf der Straße dazu, sich mit dem Grotesken auseinanderzusetzen, unter die Oberfläche einer öffentlichen Persönlichkeit zu blicken und sich mit Widersprüchen, Heucheleien, Ambitionen und Eigeninteressen zu konfrontieren, die oft verborgen bleiben. Wie ein Röntgenbild versucht das Werk, das zu enthüllen, was unter der polierten Fassade liegt, und nicht das, was der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Was Conals künstlerisches Schaffen stets ausgezeichnet hat, ist sein Verständnis der Straße als Kommunikationsplattform. Lange bevor soziale Medien zu einem zentralen Schauplatz für politische Kommentare wurden, brachte Conal kritische Standpunkte direkt in den öffentlichen Raum ein. Seine Plakate tauchten an Wänden, Versorgungskästen, leerstehenden Ladenfronten und an Straßenecken in den Stadtvierteln auf und trafen die Betrachter dort, wo sie sich ohnehin aufhielten. Die Werke, die zu gleichen Teilen Karikatur, redaktioneller Kommentar und öffentliche Intervention sind, nutzen die Stadt selbst als Verbreitungsnetzwerk.

In diesem Buch untersucht, dokumentiert und kontextualisiert der Autor G. James Daichendt, EdD, der zuvor bereits über Kenny Scharf und Shepard Fairey geschrieben und das Werk „The Urban Canvas: Street Art Around the World“ verfasst hat, Conals Gesamtwerk. Daichendt, der neben vielen anderen Aktivitäten selbst als Straßenkünstler tätig ist, beschreibt Conal als „eine feste Größe in LA und jemanden, der allgemein für die Leidenschaft und Vitalität respektiert wird, die er seit mehreren Jahrzehnten in seine Arbeit als Künstler und Lehrer einbringt“.

Daichendt stellt die vielfältigen Facetten von Conals Interessen und Einflüssen sorgfältig dar und folgt dabei einer Praxis, an der es offenbar nie an politischen Persönlichkeiten und Personen des öffentlichen Lebens mangelte, die ins Visier genommen wurden. Als anschauliches Beispiel bleibt Conals Werk besonders relevant für jenen Teil der Street-Art-Szene, der die Straße nutzt, um zu kommunizieren, sich einzusetzen, zu kritisieren und die Heucheleien von Kultur und Politik anzuprangern. Anstatt den öffentlichen Raum lediglich als Kulisse zu betrachten, hat er ihn konsequent als Forum für bürgerschaftliches Engagement und öffentliche Debatte genutzt.

„Ich erinnere mich noch lebhaft daran, als ich Robbie Conals Kunst zum ersten Mal sah, denn es fühlte sich an wie genau das, was ich eigentlich sehen sollte, was mir aber erst bewusst wurde, als ich es selbst erlebte“, sagt Shepard Fairey in seinem Vorwort. An seiner Beschreibung lässt sich deutlich erkennen, welchen Einfluss Conals Werk auf eine jüngere Generation von Künstlern hatte, die die Straße nicht mehr nur als Ort des Selbstausdrucks, sondern als Ort der direkten Kommunikation zu verstehen begannen.

„Von dem Moment an, als ich Robbies Arbeit entdeckte, hatte ich eine klarere Vorstellung davon, was Kunst sein könnte … Ein Plakat an einem Stromkasten an einer Straßenecke fiel mir ins Auge … Es zeigte ein Bild von Ronald Reagan auf leuchtend gelbem Hintergrund, darüber stand in fetter Schrift ‚CONTRA‘ und darunter ‚DICTION‘. Einen Häuserblock weiter entdeckte ich dann ein weiteres. Nun hielt ich Ausschau, und die Contra-Diction-Plakate schienen an jeder Ecke zu sein“, sagt Fairey. „Dieses Contra-Diction-Plakat sprach mich an wie eine Botschaft aus der ehrlichen Stimme des Volkes.“

Faireys Erinnerung verdeutlicht, warum Conals Werk nach wie vor nachhallt. Während viele Künstler politische Themen in den öffentlichen Raum getragen haben, entwickelte Conal eine Bildsprache, die unmittelbar, provokativ, humorvoll und unverkennbar seine eigene war. „Streetwise“ dient nicht nur als Überblick über diese Karriere, sondern auch als Erinnerung daran, welche bleibende Rolle öffentliche Satire im gesellschaftlichen Leben spielen kann. In einer Zeit, in der Bilder und Meinungen im Überfluss vorhanden sind, bleiben Conals Plakate Beispiele dafür, wie ein einfaches Bild, ein prägnanter Satz und eine gut gewählte Wandfläche nach wie vor Aufmerksamkeit erregen können.

Text Steven P. Harrington and Jaime Rojo  Fotos Diana Paun