Fresh A.I.R. #11 Abschlussausstellung

  • by Lux

Am 13. November 2026 feiern wir ab 19 Uhr die Eröffnung der Fresh A.I.R.-Abschlussausstellung. Gezeigt werden künstlerische Arbeiten von 8 Stipendiat*innen unseres 11. Fresh A.I.R.-Jahrgangs und unseres zweiten Trägers des Martha-Cooper-Stipendiums für Dokumentarfotografie.

Wie können wir uns eine friedliche Zukunft vorstellen, wenn die Grundlagen unseres Zusammenlebens unter Druck geraten? Mit dieser Frage setzen sich neun Künstler*innen des elften Fresh A.I.R.-Jahrgangs auseinander. Seit Februar 2026 entwickelten sie unter dem Titel FUTURE VISIONS: Artistic Approaches to Peace künstlerische Positionen, die Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens ausloten und dazu einladen, über die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft nachzudenken.

In einer Zeit, in der Debatten über Sicherheit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft unserer Gesellschaft von Unsicherheit und Spaltung geprägt sind, richtet die Ausstellung den Blick auf mögliche Wege zu einem friedlichen Miteinander. Die Arbeiten beschäftigen sich mit politischen und sozialen Strukturen, den Voraussetzungen dauerhafter Stabilität und den Möglichkeiten, das Gemeinwesen aktiv mitzugestalten. Sie werfen Fragen nach Teilhabe, Widerstandsfähigkeit und gegenseitiger Unterstützung auf: Was hilft Menschen, angesichts von Ohnmacht handlungsfähig zu bleiben? Welche Formen des Zusammenlebens können wir uns jenseits vertrauter Vorstellungen ausmalen?

Die Ausstellung lädt dazu ein, unterschiedliche künstlerische Perspektiven kennenzulernen und eigene Vorstellungen einer friedlicheren Zukunft zu hinterfragen. Manche der vorgestellten Ansätze beginnen mit einem Perspektivwechsel, andere mit neuen Verbindungen oder Formen gemeinsamen Handelns. Gemeinsam eröffnen sie einen Raum, um über die Gegenwart hinauszublicken und Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens neu zu denken.

Kommt vorbei für einen inspirierenden Gedankenaustausch! Wir laden euch herzlich ein, die finalen Projektergebnisse im Rahmen der öffentlichen Ausstellung zu erleben!

Kuratorin: Janine Arndt, Künstlerische Leitung bei Fresh A.I.R.

Eröffnung: 13. November 2026, 19 – 22 Uhr

Ausstellungsort: URBAN NATION Projektraum, Bülowstraße 97, 10783 Berlin

Ausstellungslaufzeit: 14. November 2026 – 14. März 2027

Öffnungszeiten:
Dienstags und mittwochs 11 – 18 Uhr
Donnerstags bis sonntags 13 – 20 Uhr
Montags geschlossen.

Über die gezeigten Kunstwerke:

3 Minutes of Nothing to Do

Viele Wissenschaftler*innen und Philosoph*innen, die sich mit den heutigen globalen Krisen beschäftigen, glauben, dass die Welt beginnen könnte, sich selbst zu heilen, wenn wir alle für wenige Augenblicke unsere hektischen täglichen Aktivitäten unterbrechen und einfach das betrachten würden, was uns umgibt, und uns mehr Zeit zum Nachdenken nehmen würden.

Mit diesem Experiment wollen wir herausfinden, ob wir dazu in der Lage sind oder nicht.
Dies ist eine Einladung, zu vergänglichen Denkmälern jener Zeit zu werden, die wir uns noch nehmen, um einfach nachzudenken:

3 Minuten der Stille im Meer urbaner Unruhe.
3 Minuten ohne Bildschirme und ohne Druck.
Einfach die Erfahrung, das eigene Dasein bewusst zu erleben.

Als sanfte und vorübergehende Geste konzipiert, führt die Arbeit eine andere Art von Monumentalität ein: die der eigenen Präsenz, die einen Raum eröffnet, in dem die Betrachtenden selbst zum Kunstwerk werden können.

Vom Betrachten von Kunstobjekten zum eigenen Werden eines Kunst-Subjekts.

In einer Welt, die zunehmend von Beschleunigung, Produktivität und ständiger Reizüberflutung geprägt ist, schlägt 3 Minutes of Nothing to Do (3 Minuten Nichtstun) eine einfache und zugleich potenziell radikale Handlung vor:
innezuhalten,
zu sein,
nachzudenken.

Hier mehr dazu erfahren.

 

Tell me, Love

Kartiertes Überleben: Ein Experiment zur Schwarmintelligenz
BER-2026-2027 / WoC / INT-01

„Sag mir, Liebling, wo möchtest du den Dritten Weltkrieg verbringen?“

Liebe und Krieg, Überleben und Freizeit: Die Katastrophe wird wie eine Einladung zum Urlaub formuliert. In einer Welt, die an Komfort gewöhnt ist, lässt das Wort ‚verbringen‘ das Unvorstellbare beinahe alltäglich erscheinen. Vielleicht ist diese Sanftheit notwendig. Gesellschaften bringen diejenigen oft zum Schweigen, die schlechte Nachrichten übermitteln, als ließe sich dadurch die Wirklichkeit verändern. Doch eine Warnung kann auch aus Fürsorge entspringen – und sogar aus Liebe.

Hinter seiner künstlerischen Fassade ist Tell me, Love ein kognitives Experiment. Die Künstlerin bittet ihr Publikum um Rat und sucht nach den Orten, an denen sie gemeinsam mit ihm die besten Überlebenschancen hätte. Auf der Tradition von Experimenten zur Schwarmintelligenz aufbauend, geht das Projekt einer grundlegenden Frage nach: Kann eine Gruppe von Menschen, die unabhängig voneinander denken, eine bessere Antwort finden als ein einzelner Mensch? Wann weiß eine Gemeinschaft etwas, das kein Einzelner für sich allein weiß?

Die Arbeit ist ein Test kognitiver Widerstandsfähigkeit in einer zunehmend zerrissenen Welt und lässt eine Karte unserer kollektiven Ängste und Hoffnungen entstehen.

Sie sind eingeladen, eine eigene, unabhängige geografische Wahl zu treffen. Damit Ihre Entscheidung unbeeinflusst bleibt, werden die Ergebnisse bis zum Ende der Ausstellung geheim gehalten. Erst dann erscheinen alle individuellen Entscheidungen gemeinsam als Punkte auf der Karte – sowohl online als auch im Ausstellungsraum.

Hier am Experiment beteiligen.

 

Text: Adriana Chiruta

In ihrem fortlaufendes Forschungsprojekt Spaces in between untersucht Amber De Saeger künstlerische Strategien durch die der Privatisierung des öffentlichen Raums entgegengewirkt werden kann. Während des Fresh-A.I.R.-Stipendiums vertiefte Amber ihre drei Methodologien: das Gehen als verkörperte Praxis, die Umsetzung kleiner Interventionen im öffentlichen Raum sowie den Einsatz kritischer Kartografie. Diese Methodologien werden als Taktik genutzt, um das Stadtbild umzuschreiben und (un)sichtbare Spuren in der Umgebung zu erzeugen – beim Gehen, durch Interventionen und beim experimentellen Kartieren.

Im urbanen Kontext interessiert sie sich besonders für Orte, die noch keine festgelegte Funktion haben und daher noch die Möglichkeit zur Veränderung in sich tragen – oder anders: für spaces in between. Als Ausgangspunkt ihrer Forschung in Berlin ging Amber den Mauerweg ab und zeichnete mit ihren Schritten die 160 km nach, an denen Berlin einst geteilt war. Sie betrieb umfangreiche Recherche zu lokalen Initiativgruppen und Kollektiven, die gegen die Wohnkrise, den „Ausverkauf der Stadt“ und neue Überwachungsgesetze kämpfen, und knüpfte Verbindungen zu anderen Künstler*innen, die ähnliche Methodologien nutzen. Gleichzeitig nahm sie an mehreren Seminaren zu kollektiver und kritischer Kartografie teil und untersuchte, wie Counter-Mapping als Werkzeug eingesetzt werden kann, um Veränderungen anzustoßen.

Für die Ausstellung „FUTURE VISIONS: Artistic Approaches to Peace“ bündelte sie diese Forschung in einem Zine, begleitet vom großformatigen Druck einer Landkarte. Auf dieser Karte ist eine abstrahierte Version Berlins abgebildet, mit der Laufroute entlang der ehemaligen Mauer. Obwohl die Mauer physisch nicht mehr existiert, lässt sie sich weiterhin als immaterielle Präsenz wahrnehmen, als eine Art Schattenarchitektur.

Während ihrer Spaziergänge fiel Amber auf, dass die Wohnungskrise selbst am Stadtrand sichtbar war, wo improvisierte Behausungen und Lager entlang der Route verstreut lagen. Die Frage, wer ein Recht auf die Stadt hat, wurde besonders drängend: Wer wird einbezogen und wer wird aktiv aus dem Blickfeld gedrängt? In Ghosts of the future past (Geister der zukünftigen Vergangenheit) streift eine verzerrte Gestalt noch immer durch den ehemaligen Todesstreifen, jene großen Flächen Niemandsland, die einst zwischen den zwei Mauern lagen. Hätte die Natur einfach ihren Lauf genommen, würde dort heute ein ausgewachsener Wald stehen. Die Kreatur, die aus dem Wald hervortritt und sich nach und nach zeigt, fordert das Recht ein, anwesend zu sein. Wenn die Kreatur sich aber in den Stadtraum vorwagt und die reflektierenden Linien auf ihrem Körper die Kamera täuschen, verwirren und das Bild verzerren, verändert sich die Bedeutung: Sie fordert das Recht auf Unsichtbarkeit in Zeiten ständiger Überwachung.

In diesen Arbeiten spielt Amber mit dem Begriff von Inklusion und Exklusion und nutzt die Spuren der Vergangenheit, um gegenwärtige Spaltung zu thematisieren. In einer Zeit, in der so viele Entscheidungen über unsere Köpfe hinweg getroffen werden, geht es darum, sich Handlungsmacht zurückzuerobern und kreative Formen des Widerstands zu finden. Oder anders gesagt: Es ist eine Erkundung des Rechts auf Präsenz versus des Rechts auf Unsichtbarkeit.

Dank an:

Susanna Bosch, the fellow participants of the seminar “Kritisches Kartographieren”, the organizers and participants of the critical cartography summer school “Re/drawing Spaces”, Berlin Surveillance and Predictive Policing Research Unit, Lindi Dedek, Don Edler and Alec De Bruyn.

 

Text: Amber De Saeger

Inner Exile (Inneres Exil) untersucht, wie ein Mensch im Innern Erinnerung, Gewohnheit und ein verletzliches Gefühl von Frieden bewahrt, wenn er über physische und kulturelle Geografien hinweg verschoben wird. Für Mourad Fedouache wurde das, was als Feldforschung über Zugehörigkeit begann, zu einer akuten gelebten Realität: Systemische administrative Hürden verzögerten zunächst seine Einreise nach Berlin, und die Ablehnung der Verlängerung seines Aufenthaltsvisums zwang ihn zur abrupten Rückkehr nach Marokko. In dieser Konvergenz von Biografie und Forschung hört das Exil auf, eine theoretische Kategorie zu sein; es tritt als unmittelbare Lebensbedingung hervor, geformt durch die Reibung zwischen dem menschlichen Impuls, Wurzeln zu schlagen, und den institutionellen Grenzen, die diesen Impuls stören.

Die Ausstellung versammelt zwei komplementäre Werkgruppen, die zwischen Berlin und Marokko entstanden sind: An der Wand platziert ist Places We Carry (Orte, die wir in uns tragen), ein partizipatorisches Projekt, das in zwei dialektische Kapitel gegliedert ist. Das erste entstand in Berlin mit Mitgliedern der marokkanischen Diaspora, während das zweite in Marokko mit dort lebenden deutschen Auswanderern realisiert wurde. Unter Vermeidung einer standardisierten fotografischen Porträtpraxis trat Fedouache mit allen Teilnehmenden in einen vertieften Dialog und lud sie ein, einen erinnerten Ort dauerhafter Geborgenheit allein aus dem Gedächtnis auf Papier zu übertragen. Diese persönlichen Zeichnungen – Skizzen von Familienorten, verschwindenden Straßen oder intimen Innenräumen – werden physisch über fotografische Porträts ihrer Urheber*innen gelegt. Durch diese Kompositionstechnik verschmelzen Gesichtszüge und mnemonische Topografien zu einer einzigen Ebene und machen die unsichtbaren Architekturen sichtbar, die Menschen in sich tragen.

 

Text: Mourad Fedouache

Der gesellschaftliche Diskurs wird zunehmend polarisiert – online wie offline, in politischen Kreisen und in unseren Sozialräumen, in den wir uns bewegen. Er wird geprägt von algorithmisch gesteuerten Medien, Informationsüberflutung, fragmentierten Narrativen und einer dramatisch schrumpfenden Aufmerksamkeitsspanne.

You and I: Polarized ist ein Projekt, das zwei Dimensionen zeitgenössischer affektiver und ideologischer Polarisierung untersucht: die öffentliche und die private.

In den urbanen Räumen Berlins prallen Botschaften in einem sich ständig weiterentwickelnden öffentlichen Dialog aufeinander, vermittelt durch die Street-Art-Kultur: Sticker, Plakate und Schriftzüge. Nicht alle bringen etwas an, aber jede*r kann abreißen, zerkratzen, überkleben, korrigieren und reagieren.

Die Künstlerin dokumentierte mehrere Berliner Stadtteile von West nach Ost: Charlottenburg, Schöneberg, Kreuzberg, Friedrichshain und Marzahn. Über einen längeren Zeitraum ging sie die Straßen ihres Viertels ab und hielt fest, wie der öffentliche Raum beansprucht und umkämpft wird, wie sich visuelle Gespräche entfalten.

Entstanden ist ein visuelles Archiv des sozial-politischen öffentlichen Diskurses einer Stadt – eine Collage dessen, welche Geschichten sie als harmlos genug erachtet, um sie zuzulassen, und für welche sie keinen Raum lässt. Jede*r darf interagieren. Im schlimmsten Fall jedoch können Menschen Gewalt ausgesetzt sein, wenn sie versuchen, eine Botschaft zu entfernen oder zu überkleben (wie das Berliner Register berichtet).

Die private Dimension ideologischer Polarisierung ist eine persönliche Erzählung darüber, wie die Künstlerin sie in ihrer eigenen Familie erlebt – insbesondere in der Beziehung zu ihrem Vater.

Genährt von einem konstanten Zufluss politischer Miss- und Desinformation sowie geschichtsrevisionistischer Propaganda, erlebt sie ihren Vater zunehmend „auf der anderen Seite“ eines sich vertiefenden Grabens in der rumänischen Gesellschaft: Unterstützung für die Ukraine und „pro-EU“-demokratische Politik versus Unterstützung für Russland und Rumäniens erstarkende rechtsextreme Parteien.

Mit eskalierenden Drohnenvorfällen, gesunkenen Schiffen und Angriffen nahe der Grenze wird aus persönlicher politischer Uneinigkeit ein Gefühl existenzieller Bedrohung. Themen werden zu emotionalen Auslösern, und der Dialog zwischen ihnen wird immer angespannter.

Wie verstehen wir, was wir noch gemeinsam haben – und was dieses Gemeinsame tatsächlich bedroht?

„Die Symbole von heute ermöglichen die Realität von morgen. Nimm die Hakenkreuze und andere Zeichen des Hasses wahr. Schau nicht weg, und gewöhne dich nicht an sie. Entferne sie selbst und sei ein Beispiel dafür, dass andere es ebenso tun.“

– Kapitel 4: Übernimm Verantwortung für die Gestalt der Welt, „Über Tyrannei“, Timothy Snyder

 

Text: Anca Maria Gheonea

Lea Gocht, geboren 1995 in Weingarten, lebt und arbeitet in Karlsruhe. Sie studierte von 2013 bis 2020 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei Toon Verhoef, Kalin Lindena und Corinne Wasmuht und wurde 2021 deren Meisterschülerin. Sie erhielt unter anderem das Graduiertenstipendium des Landes Baden-Württemberg (2019), den Preis der 25. Künstler*innen-Messe Karlsruhe (2022), das Stipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen(2023) sowie den Kunstpreis der Werner-Stober-Stiftung (2024). Im gleichen Jahr war sie Artist in Residence an der renomierten Cité Internationale des Arts in Paris (2024–2025).

Seit 2024 arbeitet die Künstlerin Lea Gocht an einer fortlaufenden Installationsreihe, die den Titel anhedonia trägt. Der Begriff der Anhedonie stammt aus der klinischen Psychologie und bezeichnet den Verlust Freude zu empfinden. Ausgehend von ihrer eigenen kritischen Perspektive als weiblich gelesene Person weitet Lea Gocht den Begriff auf kollektive Empfindungen wie Ohnmacht, Kontrollverlust oder Suche nach Handlungsfähigkeit aus, die in Reaktion auf gesellschaftliche Krisen entstehen.

Melting Plots ist ein partizipatives künstlerisches Forschungsprojekt, das sich mit Vorstellungen von Zuhause, Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Grenzen, Bewegungsfreiheit und Prozessen des ‚Commoning‘ auseinandersetzt. Das Projekt brachte 43 Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und vielfältigen biografischen Erfahrungen zusammen. Über mehrere Monate hinweg wurden Interviews, Stadtspaziergänge und Workshops genutzt, um zu untersuchen, wie gemeinschaftlich genutzte Räume entstehen können und wie Solidarität und Empathie zu ihrer Entstehung beitragen. Durch iterative Beiträge und Feedbackschleifen entstanden neue Identifikationsräume, die den Grundstein für eine kreative Zusammenarbeit in der abschließenden Projektphase legten.

Das Hüpfspiel, das über Generationen und Kulturen hinweg auf der ganzen Welt gespielt wird, diente als zentrales Motiv und als Werkzeug, um Vorstellungen von Grenzen, Territorium, Besetzung, Besitz und Grenzüberschreitung zu untersuchen. Das gemeinsame Spielen half dabei, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden und durch reflexive und körperlich erfahrbare Praktiken neue kollektive Erinnerungen und geteilte Wirklichkeiten entstehen zu lassen.

Der Prozess mündete in ein Bild, das in einer aus der Vogelperspektive mit einer Drohne gefilmten Video-Performance festgehalten wurde. Das in der Ausstellung gezeigte Video präsentiert das Ergebnis eines ko-kreativen Prozesses, in dem die Teilnehmenden auf Grundlage ihrer Reflexionen aus vorherigen Aktivitäten neue Entwürfe und Regeln für das Hüpfspiel entwickelten. Ihre Beiträge wurden zusammengeführt, um eine Bühne für die abschließende Aktion zu schaffen: den ersten Moment des kollektiven Zusammenkommens innerhalb eines sechsmonatigen Prozesses und eine spielerische, demokratische Praxis des Commoning.

Die begleitenden Diagramme legen die zugrunde liegende Architektur des Bildes offen und machen die Methodik des Projekts sowie die Struktur der Teilnehmendengruppe sichtbar.

Das Hörstück versammelt eine kuratierte Auswahl von Zitaten aus Interviews mit den Teilnehmenden.*

*Die Zitate stammen aus Interviews, die in der ersten Phase des Projekts Melting Plots geführt wurden. Die Teilnehmenden waren eingeladen, etwas über sich selbst zu erzählen und über die Begriffe Zuhause, Zugehörigkeit, Heimat, Grenzen und Territorien zu reflektieren. Außerdem reagierten sie auf Auszüge aus Gesprächen mit anderen Teilnehmenden, denen sie zuvor nie persönlich begegnet waren. Auf diese Weise entstand eine Art Multilog, der einen Raum eröffnete, um Gemeinsamkeiten und Anknüpfungspunkte zu erkunden. Die Ausstellung präsentiert eine kuratierte Auswahl von Zitaten aus diesen Gesprächen, die von zwei neutralen Stimmen neu eingesprochen wurden. Die ursprünglichen deutschen Zitate wurden ins Englische übersetzt und behutsam redaktionell bearbeitet, um ihre Verständlichkeit zu verbessern und zugleich ihre ursprüngliche Bedeutung zu bewahren. Um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Teilnehmenden im Umgang mit persönlichen Informationen zu entsprechen, wurden einige Länder- und Ortsnamen weggelassen.

 

Text: Tonka Maleković

Die Natur ist nicht länger einfach etwas, das wir vorfinden; sie ist zunehmend etwas, das wir hervorbringen. Pflanzen wachsen in fensterlosen Farmen unter künstlichem Licht, Fleisch wird in Laboren kultiviert, Mikroplastik zirkuliert durch lebende Körper. Autopoietic Singularity nimmt diese gegenwärtigen Verschiebungen als Ausgangspunkt für eine spekulative Botanik.

Die Arbeit beklagt keine verlorene, unberührte Natur. Statt sich ökologische Katastrophen oder utopische Harmonie auszumalen, untersucht sie, wie Natur sich unter veränderten Bedingungen neu organisieren könnte und dabei Formen hervorbringt, die die Grenze zwischen Lebendigem und Künstlichem erschüttert.

Geleitet vom Prinzip der Autopoiesis – der Fähigkeit lebender Systeme, sich aus sich selbst heraus zu regenerieren – greift das Projekt auf das zurück, was bereits in seiner unmittelbaren Umgebung vorhanden ist, einschließlich Materie, die gemeinhin als Abfall gilt. Durch Dekonstruktion und Rekonstruktion eröffnen weggeworfene Materialien neue Möglichkeiten: Hier werden Biomaterialien, die teilweise aus Küchenresten bestehen, zu Skulpturen geformt, die wie lebende Organismen wirken und sich doch einer einfachen Einordnung entziehen.

Verbunden mit Keramik und Draht werden sie zu Hybriden – teils Pflanze, teils Mineral, teils etwas, das noch keinen Namen hat. Ihre Oberflächen reichen von rauen, opaken Biokompositen bis zu Gelatine-Biokunststoffen, die glänzend und transluzent werden können und stellenweise zugleich an Plastik und an Baumrinde erinnern. Ein QR-Code führt zu einem Herbarium, in dem jedes Exemplar zur erfundenen Gattung Futura gehört und wie ein wissenschaftlicher Fund dokumentiert wird: Code, Unterreihe, Materialzusammensetzung, Struktur, Maße, Gewicht. Indem das Herbarium diese Hybride mit der Ernsthaftigkeit behandelt, die echten Arten vorbehalten ist, entwirft es eine Systematik für eine Natur, die gerade erst entsteht.

Jedes Objekt vereint Materialien, die auf unterschiedlichen Zeitsschienen existieren: Keramik und Metall stehen neben organischer Materie, die weiterhin auf Luftfeuchtigkeit und Temperatur reagiert. Texturen, Farben und Geruch können sich mit der Zeit verändern und erweitern die Arbeit über den Moment ihrer Entstehung hinaus. Die Objekte sind nicht bloß Darstellungen hypothetischer Organismen; Veränderung wird selbst zu einem Bestandteil der Arbeit. Hier liegt ihre performative Dimension – nicht in Handlung, sondern in einer Transformation, die nur durch Beobachtung nachvollzogen werden kann.

Auf diese Weise schlagen die Skulpturen eine andere Beziehung zum Kunstobjekt vor, die eher in Fürsorge als in Dauerhaftigkeit gründet. Sie laden dazu ein, neu zu denken, was es bedeutet, zu bewahren und zu besitzen, und und zeigen auf, wie wertvoll es ist, die Materie in ihrem Wandel bewusst wahrzunehmen – eine Achtsamkeit, die sich auch auf die nicht-menschliche Welt erstreckt.

Mit Respekt, Zärtlichkeit und einem Bewusstsein gegenseitiger Abhängigkeit betrachtet, verweisen sie auf Frieden nicht als festen Zustand, sondern als fortwährende Suche nach einem ökologischen Gleichgewicht zwischen Mensch und Nicht-Mensch, Organischem und Artifiziellem.

Hier das ganze Herbarium ansehen.

 

Text: Patrycja Pi Pa Piwosz

Frieden wird für gewöhnlich im großen Maßstab diskutiert. Dieses Projekt setzt viel kleiner an, etwa bei zwei Menschen, die einander nicht verstehen. Viele Konflikte nehmen genau dort ihren Anfang – wenn wir die Dinge nicht aus der Perspektive der anderen Person sehen können.

City as Map of Ideas ist ein Buch mit visuellen Übungen, um den Perspektivwechsel zu trainieren. Jedes Detail, das in den Straßen Berlins gefunden wurde, wird mit einem unerwarteten Bild kombiniert.

An der Wand hängt eine Granitfassade, der eine Platte fehlt, neben einem lächelnden Mann, dem ein Zahn fehlt. Nebeneinander sieht das Loch in der Wand plötzlich aus wie eine Zahnlücke, und das Lächeln ein bisschen wie ein Gebäude.

Die Bildpaare erklären nichts. Sie fordern dazu auf, noch einmal hinzusehen – aus einem anderen Blickwinkel.

 

Text: SerraGlia

Future Perfect Continuous (FUTUR II) erkundet die Möglichkeitsräume unserer ökologischen Zukunft. Ausgangspunkt des Projekts ist der Versuch, gegenwärtige, geopolitisch wie chronopolitisch geprägte Denk- und Handlungsmuster im Umgang mit der globalen Klimakrise zu durchbrechen. FUTUR II versteht sich als Übung darin, ökologische Zukunftsszenarien räumlich zu denken und planetarische Verantwortung über lange Zeiträume hinweg zu verstehen.

Die hier gezeigte Wandinstallation gibt einen Ausschnitt aus FUTUR II wieder, einem zyklischen Fliesenwerk, das die Vielfalt und Gleichzeitigkeit möglicher Welten erfahrbar macht. Denn nicht eine linear determinierte und scheinbar unabwendbare Zukunft liegt vor uns, sondern eine Fülle kommender Welten, die sich fortwährend in alle Richtungen entfalten. Der Weg in die Zukunft verzweigt sich fließend in multiple, miteinander verflochtene Wirklichkeiten. FUTUR II übersetzt dieses raumzeitliche Kontinuum in ein fortlaufendes, multiperspektivisches Kaleidoskop planetarer Visionen, das erlebte Gegenwart und antizipierte Zukunft näher zusammenrücken lässt.

Die Grundform bildet dabei eine Weltkarte in Gestalt eines gleichseitigen Dreiecks, angelehnt an einen Projektionsentwurf des neuseeländischen Mathematikers und Kartografen Laurence Patrick Lee aus den 1960er-Jahren. Anders als beispielsweise die weitaus bekanntere Mercator-Projektion stellt diese Karte die verschiedenen Erdteile unseres Globus in einem relativ ausgewogenen Größenverhältnis zueinander dar. Vervielfältigt und aneinandergefügt, lässt sich die dreieckige Karte zu einem unbegrenzten, zusammenhängenden Raumzeitgefüge erweitern.

Die einzelnen Kartenreliefs wurden von Hand aus ozeangrünem Beton gegossen und individuell bemalt. Die darin gezeigten Visualisierungen von Klimafolgen stützen sich auf Modellrechnungen des Climate Impact Explorer, einem Projekt des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Die Weltkarten veranschaulichen verschiedene Klimaindikatoren, darunter Hitzerisiko, Dürreperioden und extreme Niederschläge, zu unterschiedlichen Zeitpunkten (2030, 2050, und 2100) unter den jeweils zugrunde gelegten politischen Szenarien. FUTUR II verbindet die Vergangenheit, über die wir Wissen gesammelt haben, mit der Gegenwart, in der wir handeln können, und der Zukunft, die wir wählen.

Das thermografische Video Reclining Figure tritt der Wandinstallation als dialogisches Gegenüber zur Seite. Es zeigt den eigenen Körper in liegender Ruhe, oder vielmehr das thermische Nachbild, das der abwesende Körper hinterlässt. Die Silhouette wird animiert, buchstäblich zum Leben erweckt, und scheint im Schlaf ruhig ein- und auszuatmen. Körperwärme ist ein Lebenszeichen und ihre Spur eine flüchtige Einschreibung leiblicher Präsenz. Die Befindlichkeit des menschlichen Körpers tritt hier in Beziehung zur Verfasstheit der Welt, die ihrerseits als lebendiger Organismus verstanden wird.

 

Text: Simiao Yu

Special Event: OPEN HOUSE @ Fresh A.I.R. + Performances

Am 14. und 15. November 2026 lädt das OPEN HOUSE dazu ein, die Künstler*innen persönlich kennenzulernen. Besucher*innen erhalten Einblicke in die künstlerischen Prozesse und Arbeitsweisen, können Fragen stellen und mehr über die Geschichten hinter den Kunstwerken erfahren. Performances ergänzen das Programm und eröffnen weitere Zugänge zu den künstlerischen Perspektiven auf Frieden und Zusammenleben.

Termine: 14. und 15. November 2026, jeweils 16 – 20 Uhr
Ort: Fresh A.I.R., Zugang über das URBAN NATION Museum, Bülowstraße 7, 10783 Berlin