FRESH A.I.R. #5 | Ausstellung

  • by Nicola Petek

📍Bülowstraße 90/2. OG, 10783 Berlin-Schöneberg

Ausstellungsdauer: 17. September 2021 – 31. Januar 2022

Öffnungszeiten:

Montags geschlossen

Di + Mi: 11:00 – 17:00 Uhr

Do-So: 13:00 – 19:00 Uhr

Die KünstlerInnen des 5. Jahrgangs von Fresh A.I.R. haben sich trotz pandemiebedingter Einschränkungen intensiv mit der Stadt Berlin und ihren BewohnerInnen auseinandergesetzt. Sie nehmen mit ihren Projekten den städtischen Kontext in den Blick, seine unsichtbaren Grenzen und seine verschiedenen Erscheinungsbilder.

Dabei interessiert sie, was die Individuen einer Stadtbevölkerung trotz augenscheinlicher Unterschiede im Kern miteinander verbindet oder wie eine gerechte Partizipation in der Stadt erreicht werden kann. Mit ihren Projekten mischen sich die KünstlerInnen in Debatten um Teilhabe und Inklusion ein. Und sie lassen darüber nachdenken, wer ausgeschlossen bleibt.

Photo: berlinARTcore

Rita António | ICH BIN BERLINER*IN

Als Stipendiatin von Fresh A.I.R. #5 erkundet und studiert Rita António Berlin mit den Augen einer Migrantin, einer Reisenden. Sie begann zunächst Orte zu erkunden, die nicht im Fokus des touristischen Blickes liegen. Sie fand ihre größte Inspiration in den BewohnerInnen der Stadt. In ihren Illustrationen und Comics beschäftigt sich Antonió mit den Gewohnheiten der BerlinerInnen und Klischeebildern, die über sie existieren – immer mit einem humoristischen Blick.

In einer Reihe von Illustrationen und Comics porträtiert die Künstlerin, was es heißt, eine aus Berlin stammende Person zu sein. Sie zeigt ihre ersten Eindrücke von der neuen Stadt und was sie so besonders macht. Die Künstlerin hat sich vorgenommen, ein Werk zu schaffen, mit dem sich die Berliner identifizieren können, das aber auch das ausländische Publikum im Blick hat, dass die Berliner Kultur kennenlernen möchte. António verwendet eine humoristischen Zeichenstil und spielt mit Farbe und Schwarz-Weiß – wie es in ihrer künstlerischen Praxis üblich ist. Ergebnis ist neben einigen Drucken ein 28-seitiges Buch.

FRESH A.I.R. #5
Photo: berlinARTcore

Denis Cherim | YOUR CONFUSION, MY ILLUSION

Denis Cherim interessiert sich für den Dualismus und das, was den Verstand, die Wahrnehmung und die Entscheidungsfindung der Menschen beeinflusst. Mit seinem Projekt Your Confusion, My Illusion versucht er künstlerisch, die Realität als surreal und das Surreale als unsere Realität zu zeigen. Indem er das scheinbar „Un-Würdige“ würdigt, fordert er die Wahrnehmung der BetrachterInnen durch die Abbildung gewöhnlicher Szenerien und Alltagssituationen heraus, die Sichtbares und Unsichtbares, Logisches und Unlogisches miteinander verbinden. Cherims Fotografien fangen die verborgene Poesie der Stadt ein und laden die Betrachtenden ein, das „Bekannte“ zu enttabuisieren, damit sie die tiefere Schicht in der ihn umgebenden Realität entdecken können.

Photo: Nika Kramer

Vince Donders | The Iron Lung

In seiner Installation für Fresh A.I.R. #5 stellt Vince Donders ein mögliches Szenario der Zukunft dar. In dieser Zukunft sind die Ressourcen der Erde erschöpft und die Umwelt ist kollabiert. Der Künstler stellt sich vor, wie eine solche Welt aussehen würde und wie man dort überleben kann. Diese Frage »Wie würden sie es tun?« beschäftigt ihn schon seit Längerem in seiner Kunst. Mit jeder Installation entdeckt Donders einen weiteren Teil dieser trostlosen und schmutzigen Welt. Und so baut sich eine kontinuierliche Erzählung auf. Diese Erzählung ist sein Leitfaden, um eine eigene Welt kontinuierlich weiter zu entwickeln.

Photo: Nika Kramer

Aïda Gómez

»Ich wollte ein Kunstwerk schaffen, das die BewohnerInnen Berlins wirklich betrifft. Um das zu erreichen, platzierte ich Plakate mit QR-Codes an ruhigen Orten, wie beispielsweise Parks. An diesen Orten konnten die Menschen den Code einscannen und in Ruhe den von mir erstellen Fragebogen ausfüllen.

[…] Ich habe mehrere Spaziergänge gemacht und versucht, all den Müll in den Straßen zu identifizieren, über den sich die Leute beschwert haben. Schließlich wurde ich auf Zigarettenstummel aufmerksam. Sie sind überall!

Wenn sie mit Wasser in Berührung kommen (und ihr wisst ja, in Berlin regnet es oft), setzen sie das ganze Gift frei und es dauert etwa 10 Jahre, bis sie sich auflösen. Die Zigarettenkippen sind weltweit die Nummer 1 unter den Müllgegenständen. Ich dachte, wenn ich die Zigarettenstummel aufhebe und etwas daraus mache, würde ich ein Kunstwerk schaffen, das auf dieses Problem aufmerksam macht und gleichzeitig die Stadt etwas sauberer macht. Ein Akt der Liebe für Berlin, denn ich liebe Berlin.« Zitat von Aïda Gómez

Fresh A.I.R. #5
Photo: Nika Kramer

LiHenn | »Gib dem Viertel dein Gesicht!«

ein soziales Kunstprojekt in einer Siedlung der GEWOBAG in Haselhorst

Haselhorst, die ehemalige Reichsforschungssiedlung aus den 1930er-Jahren im Nordwesten von Berlin, ist das Feld des Projekts von LiHenn. Fünf Menschen, die in der Siedlung Haselhorst leben, früher gelebt haben, geboren sind oder wieder dort leben, geben dem Viertel ihr Gesicht und ihre Geschichte. Ihre Porträts werden an Freiflächen der Fassaden sichtbar und ihre Geschichte mit und in Haselhorst hörbar.

Die Porträts mit einem Wort oder einer knappen Aussage aus ihrem Interview bilden die Schnittstelle zwischen dem Innen und dem Außen der Häuser. Sie machen Individuelles sichtbar. In dieser seriellen Siedlung kann die Intervention so eine kontradiktorische Wirkung auslösen.

Fresh A.I.R. #5
Photo: Nika Kramer

Lotte Reimann | WORK-IN-PROGRESS

Für ihre Recherche im Rahmen von Fresh A.I.R. #5 taucht Lotte Reimann in die lebendige Berliner Kink-Szene ein und beleuchtet kollaborativ die Verflechtung von BDSM und Asexualität. Ausgewählte Archivbilder und Interviewfragmente werden zu einer zweikanaligen Videoinstallation kombiniert, die unsere ‚modernen‘ Vorstellungen von Erotik, Sexualität und allgemeiner das dichotome Verständnis von Menschen und ihren Wünschen hinterfragt.

Diese Videoinstallation ist der letzte Teil einer Filmtrilogie („Hinterland“, 2020, „objects und Menschen“, 2021, work-in-progress, 2021), die Identität, Liebe und Anziehung unter dem Einfluss der westlichen naturalistischen Ontologie untersucht.

Lotte Reimann Fresh A.I.R.
At the studio. Photo: Victoria Tomaschko

Joanna Simson | KIEZ LICHT

Joanna Simsons Projekt KIEZ LICHT ist eine kuratierte Sammlung von Gedanken, Lebensreflexionen, Erfahrungen und Zeichnungen. Ausgehend vom Thema Nachbarschaft und Gemeinschaft hat Simson ein Online-Formular erstellt und zudem längere Interviews mit einigen BerlinerInnen geführt. Das Projekt lädt dazu ein, etwas Persönliches mitzuteilen und etwas Sichtbares, z. B. die Kleidung, zu zeigen und damit das Innere einer Person mit dem Äußeren zu kontrastieren.

Das Hauptaugenmerk von KIEZ LICHT liegt auf den Projektionen auf verschiedenen Gebäuden in der Nachbarschaft, die mit der städtischen Umgebung interagieren und Passanten ansprechen sollen. Die Broschüre ‚If you really knew me‘ ist eine Sammlung von kürzeren Antworten und Zeichnungen des Projekts.

Photo: Nika Kramer

Hannah Skinner | QUEERNESS THROUGH PRESENTATION

Das Projekt »QUERNEES THROUGH PRESENTATION« hat zwei Teile. Der erste ist ein Forschungsteil, in dem Hannah Skinner Interviews mit LGBTQA+-Menschen in Deutschland führt. Sie fragt, wie deren Kleidung, Accessoires und Modeauswahl mit ihrer sexuellen Identität zusammenhängen. Zudem hat Skinner, die selbst bisexuell ist, queere Menschen zu einem Accessoire-Workshop eingeladen. Der Workshop ist ein geschützter Raum, in dem queere Menschen Accessoires entwerfen, herstellen und diskutieren können, die für sie repräsentativ sind. Im zweiten Teil des Projekts wird produziert. Skinner verarbeitet die Interviews und Begegnungen mit LGBTQA+-Menschen künstlerisch.

Skinner wollte daüberhinaus ein vertieftes Verständnis für die Art und Weise entwickeln, wie sich queere Menschen in Berlin präsentieren. Dafür hat sie sich mit der queeren deutschen Geschichte beschäftigt. Eine der wichtigsten Quellen für diese Recherche war das Spinnboden Lesbenarchiv und die Bibliothek Berlin, wo Skinner die Inspiration für ihre Malerei fand. Die Titelseite einer Zeitschrift von 1928 mit dem Titel »Liebende Frauen«, die Freundschaft, Liebe und sexueller Aufklärung gewidmet war, erregte Skinners Aufmerksamkeit und motivierte sie, ihren bildhauerischen Hintergrund zu verlassen und mit Malerei zu experimentieren.

Fresh A.I.R. #5
Photo: Nika Kramer

William St Leger | EVEN IF YOUR VOICE TREMBLES

Eine visuelle Erkundung von Scham

Über ein halbes Jahr hat sich der Künstler William St Leger mit den Geschichten von Menschen in Berlin beschäftigt, insbesondere mit ihren Erfahrungen und ihrem Verhältnis zur Scham. Unter den vielen Interviews, die St Leger geführt hat, hat er die Geschichten folgender Personen ausgewählt: eine Sexarbeiterin, ein Opfer sexuellen Missbrauchs, ein Transmann, eine Person mit Essstörungen, eine Person, die mit HIV lebt, eine Person mit einem sexuellen Fetisch für den Konsum von Fäkalien, ein nicht-binärer weiblicher Mann, ein Drogenkonsument und ein Pornodarsteller.

In anonymen Gesprächen mit den TeilnehmerInnen hat er erfahren, welche Auswirkungen die toxische Scham auf das Leben der Menschen hat. Scham wird oft früh im Leben erlernt und manifestiert sich im späteren Leben in Verhaltensmustern und Bewältigungsmechanismen. Die Absicht des Künstlers ist es, Schamgeschichten zu sammeln, aufzuzeichnen, zu präsentieren, zu verarbeiten und zu transformieren und damit etwas Körperliches zu schaffen.

Photo: Nika Kramer

Antigoni Tsagkaropoulou (Bunny) | PinkFullMoon

PinkFullMoon von Antigoni Tsagkaropoulou (Bunny) kombiniert skulpturale Installationen mit fiktiver Poesie und konzentriert sich dabei auf den Begriff der Schwesternschaft, der kollektiven Fürsorge und des politischen Widerstands gegen systemische Unterdrückung und das heteropatriarchale Regime. Das Projekt ist eine zeitlose post-apokalyptische queere Fiktion, die auch als Allegorie auf die distopische Gegenwart verstanden werden kann.

Die Installation besteht aus drei flauschigen Skulpturen und einem poetisch-fiktiven Text. Die Skulpturen ähneln den Protagonistinnen der Geschichte: hybride pelzige Kreaturen, teils Tier-Fledermäuse, teils Menschen, die schicke Stöckelschuhe und Schmuck tragen. Ihre Augen verraten ihre Namen – Lilli, Crystal und Thunder. Ihre Identitäten sind fließend und nicht spezifiziert, ein Versuch, die heteronormativen Binaritäten und Grenzen der Geschlechter und Arten zu überschreiten.

Fresh A.I.R. #5
Photo: Nika Kramer

Marjolein van der Meer | I AM SEVERAL

I AM SEVERALI AM SEVERAL von Marjolein van der Meer ist ein elektronisches Musikstück, das in einer Performance mündet. Eine Polyphonie von Stimmen symbolisieren Vielfalt. Es geht um die verschiedenen Menschen, die wir sein können, Pluralität versus Hingabe, das Individuum versus die Gruppe. Das Stück nutzt alltägliche Situationen, Klänge und Bewegung, um eine bestimmte Einheit zu schaffen, einen Chor von Menschen, in dem gleichzeitig die Autonomie jedes. Einzelnen hörbar ist. Es geht darum, seine eigene Stimme zu finden, autonom zu sein und die Einsamkeit, die das mit sich bringen kann. Aber es geht auch darum, wie wir uns elementar ähnlich sind. Entstanden ist das Projekt in Zusammenarbeit mit der Choreografin Merel Franx.

Photo: berlinARTcore

Bonus: Stadt Raum Helden

Im Projekt »Stadt Raum Helden« setzen sich 22 SchülerInnen aus Schöneberg kritisch mit ihrer alltäglichen städtischen Umgebung auseinander. Die Viert-, seit dem Sommer FünftklässlerInnen erforschen im Rahmen des Programms Stadtraum!Plus der Stiftung Berliner Leben ihr Lebensumfeld und formulieren Veränderungswünsche, die mit Hilfe von »Stadt Raum Helden« Wirklichkeit werden können.

Projektbeteiligte sind die katholische Schule Sankt Franziskus, die Baukunstvermittler »kleine baumeister« und die Künstlerin LiHenn, eine Stipendiatin von Fresh A.I.R. #5. Von Juni bis November 2021 entwickeln die SchülerInnen in wöchentlichen Projekttagen ihre Entwürfe. Einen ersten Einblick in die Ergebnisse konnte man während der Präsentation im Rahmen des BÜLOW STREET WKND bekommen.

Fresh A.I.R. #5
Photo: Nika Kramer

Fresh A.I.R. #5

Seit 2018 vergibt die Stiftung Berliner Leben mit dem Programm Fresh A.I.R. (Artist-In-Residence) Stipendien an europäische KünstlerInnen, die sich mit gesellschaftspolitischen und urbanen Themen auseinandersetzen.

Mit der Förderung wird den StipendiatInnen die Möglichkeit gegeben, während des Aufenthalts neue Impulse aufzunehmen und sich, eingebunden in das Berliner Kulturleben, künstlerisch weiter zu entwickeln. Gleichzeitig geben sie BewohnerInnen der Stadt in Form von Workshops und Veranstaltungen einen Einblick in ihre Perspektive und ihr Können. Die elf StipendiatInnen des 5. Fresh A.I.R.-Jahrgangs aus insgesamt neun Nationen sind im März 2021 nach Berlin gekommen.

Die Ausstellung Fresh A.I.R. #5 ist noch bis zum 31. Oktober 2021 in der Bülowstraße 90 zu besuchen.

📍Bülowstraße 90, Berlin-Schöneberg

Ausstellungsdauer: 17. September – 31. Oktober 2021

Öffnungszeiten:

Montags geschlossen

Di + Mi: 11:00 – 18:00 Uhr

Do-So: 13:00 – 20:00 Uhr